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2019-03-29

Das war der Global Food Summit 2019 – Eine Zusammenfassung

Das Global Food Summit Pre-Event, der "WalkTheTalk", am 19. März 2019 bei der BayWa AG und beim Burda Bootcamp

Der dritte deutsche Global Food Summit begann mit einem internationalen „Warm-up“ am 19. März 2019 im 20. Stock der BayWa-Zentrale in München mit dem Global Food Summit „WalkTheTalk“. Dort trafen die Delegationen aus Kanada und den Niederlanden auf Start-ups, auf Unternehmen der Lebensmittel- und Futterbranche sowie auf Vertreter aus Politik und internationalen Organisationen.

Die Stimmung der rund 40 Teilnehmer war so gut wie das Wetter und die freie Aussicht weit über die Stadt hinweg bis zu den Alpen. Professor Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender des weltweit agierenden Agrarhandelskonzerns BayWa AG, begrüßte die Teilnehmer im Konferenzraum Wien. Jede Organisation hatte ca. fünf Minuten Zeit, um sich und sein Unternehmen oder seine Idee kurz vorzustellen. Moderiert wurde der „WalkTheTalk“ von Bruno Wiest von der Botschaft von Kanada in Deutschland. Dabei war auch das Burda Bootcamp, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Start-ups im Health- und Ernährungsbereich zu entdecken und zu fördern. Im Burda Bootcamp, in der Nachbarschaft von BayWa, ließen die Teilnehmer bei einem Apéro den Abend locker ausklingen.


Die Pressekonferenz am 20. März 2019 im PresseClub München


(v.l.n.r.: Jaap Strengers, Peter Verstrate, Isabella Pfaff, Stephan Becker-Sonnenschein, Barbara Swartzentruber, Dr. Michael Binder)

Die Pressekonferenz am 20. März 2019 im PresseClub München mit rund 25 Journalisten, unter  ihnen Vertreter der Süddeutschen Zeitung, des Bayerischen Rundfunks, von TV Bayern und der Schwäbischen Zeitung, wurde live in den Bayerischen Landtag übertragen. Auf der Pressekonferenz stellte Peter Verstrate, Chief Executive Officer des niederländischen Unternehmens Mosa Meat, den Stand seiner Forschung zu Clean Meat vor, also zu „Fleisch“, das aus Stammzellenkulturen hergestellt wird. Dabei geht es darum,  Lebensmittel ressourcenschonend zu produzieren. Jaap Strengers vom britischen Unternehmen Systemiq  präsentierte seine Studie zur Nachhaltigkeit der Lebensmittelproduktion, die bereits auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos 2019  stark beachtet worden war: „Aktuell verursacht jeder Dollar, der für Essen ausgegeben wird, fast zwei Dollar soziale Kosten,“ so Jaap Strengers. Das größte Problem dabei sei die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert werden. Dabei würden sehr viel Land und Energie verbraucht. Es müssten andere Arten der Lebensmittelproduktion gefunden werden, welche  die Umwelt weniger belasteten, so Jaap Strengers weiter.

Zirkuläre Konzepte wie das der kanadischen Stadt Guelph könnten dazu beitragen. Barbara Swartzentruber, als Vertreterin der Stadt Guelph, hat auf der Pressekonferenz des Global Food Summits ein weltweit einzigartiges Konzept für „Canada’s First Circular Food Economy“ vorgestellt. Die Stadt möchte das „Silicon Valley für Lebensmittel“ werden, so Barbara Swartzentruber, Executive Director for Strategy, Innovation und Intergovernmental Relations von Guelph. Ziel ist, die Bewohner gesünder zu ernähren, Abfall als Ressource zu sehen und letztendlich durch einen konzentrierten Wissenschaftsstandort mit dazugehöriger Wirtschaft- und Start-up-Szene rund um Lebensmittelinnovationen weitere Arbeitsplätze zu schaffen. Viele Projekte ihm Rahmen der Strategie sollen mithilfe von neuen Technologie umgesetzt werden, wie beispielsweise Data—Mapping.

Dr. Michael Binder vom Spezialchemie-Konzern EVONIK erläuterte das Projekt „Veramaris“,  bei dem Zucht-Lachse alle benötigten Nahrungsstoffe bekommen, die aber aus rein pflanzlichem Protein stammen. Bislang waren zwei Kilo Wildfischfang als Futter nötig, um nur ein Kilogramm Zuchtfisch zu  produzieren. Mit diesem Projekt will EVONIK einen Weg aufzeigen, wie die  Überfischung der Meere gestoppt werden könnte. Allerdings ist die  Produktion der pflanzlichen Proteine für die Fischnahrung sehr energieintensiv. Dazu sagte Dr. Michael Binder „Eine einzige Lösung ist nie die absolut richtige. Man muss immer einen Preis bezahlen. Letztendlich entscheidet der Endverbraucher, welche Art der Nachhaltigkeit für ihn oder sie selbst vertretbar ist.“

Der Auftakt zum ersten Konferenztag am 20. März 2019 in der Münchner Residenz


(v.l.n.r.: Máximo Torero, Prof. Martina Schraudner, Prof. David Zilberman, Staatsministerin Michaela Kaniber, Stephan Becker-Sonnenschein, H.E. Mariam Al Mehairi, Prof. Justus Wesseler, Dr. Simon Reitmeier)

Der dritte deutsche Global Food Summit fand am 20. und 21. März 2019 im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz statt. Zum ersten Mal wurde die Konferenz in München  ausgerichtet; zuvor war sie in Berlin beheimatet. Die Bayerische Staatsregierung, vertreten durch das Cluster Ernährung Bayern, hatte den Global Food Summit eingeladen, nach München zu kommen. Das Cluster wurde gemeinsam vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und Akteuren der bayerischen Land- und Ernährungswirtschaft gegründet. Es bietet eine Plattform für die regionale Vernetzung verschiedener Akteure aus dem Landwirtschaftsbereich.

Das Thema der diesjährigen Konferenz lautete: “Foodtropolis - Verändern Städte unsere Wahrnehmung von Essen und Natur?“ Insgesamt 27 Redner aus China, Kanada, Bangladesch, den Niederlanden, USA und Deutschland stellten ihre Forschungen, ihre Projekte und Ideen vor.

Stephan Becker-Sonnenschein, Head and Founder des Global Food Summits, fasst die zweitägige Konferenz  zusammen: „Wir wollen der Zukunft der Lebensmittel eine Stimme geben. Wir brauchen  eine ,Next Generation Lebensmittel‘, wenn wir  2050 neun Milliarden Menschen, die vorwiegend in Städten leben werden, nachhaltig ernähren wollen. Das geht nicht nur mit Verzichts-Szenarien, sondern verlangt vielfältige Innovationen. Über die Möglichkeiten von  Innovationen, die Herausforderungen und Potentiale müssen wir kontrovers diskutieren – und das machen wir auf dem Global Food Summit.“


Der erste Konferenztag am 20. März 2019

Michaela Kaniber, bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten

„Der Global Food Summit zeigt uns die Hintergründe in der weltweiten Ernährung, beleuchtet Schlüsselfaktoren und stellt die richtigen Fragen. Es ist eine hohe Kunst, die Komplexität und die Faszination von Forschung und Entwicklung zu vermitteln – Sie und Ihr Team, sehr geehrter Herr Becker-Sonnenschein, beherrschen diese Kunst,“ sagte Michaela Kaniber, bayerische Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten vor rund 250 internationalen Teilnehmern. Die Staatsministerin hielt die Eröffnungsrede und stellte dar, wie wichtig das Thema  Lebensmittelproduktion für Bayern ist. Stadt und Land seien dabei gleichermaßen gefordert. „`Foodtropolis` und `Foodvillage` sind für uns kein Widerspruch“. Ländliche Gebiete und Familienbetriebe spielten in der bayerischen Landwirtschaft eine wichtige Rolle – neben disruptiven Innovationen wie Urban Farming, Urban Gardening oder Aquaponic. Bayern wolle dabei „Gründerland Nummer eins in Europa werden“ und „Ideen zu Wertschöpfung werden lassen“, so Staatsministerin Michaela Kaniber. „Die technischen, kulturellen und rechtlichen Herausforderungen dieser Thematik sind so komplex, dass sie von keinem einzelnen Unternehmen, aber auch nicht von einem Staat alleine bewältigt werden können:“

Her Excellency Mariam bint Mohammed Saeed Hareb Al Mehairi | UAE Minister of State for Food Security | Dubai World Expo 2020

Ihre Exzellenz Mariam Al Mehairi, Ministerin für Nahrungssicherheit aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE),  gab in ihrer Rede Einblicke in die Nahrungsmittelstrategie der Emirate. Ziel ist, bis 2021 unter den Top Ten des Global Food Security Index zu sein und bis 2051 den Index anzuführen. Nahrungsmittelsicherheit bedeutet für H.E. Mariam Al Mehairi, allen Bürgern ein gesundes und aktives Leben zu ermöglichen. Zudem sollen auch in Krisenzeiten und bei Notfällen erschwingliche Lebensmittelpreise sichergestellt werden. Dies ist besonders wichtig für ein Land, in dem derzeit 90 Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugnisse importiert werden müssen. Im Mittelpunkt der Lebensmittelpolitik der Emirate stehen  Handelserleichterungen im Agrarsektor, eine technologiegestützte Lebensmittelproduktion, die Reduzierung von Nahrungsmittelverlusten, Lebensmittelsicherheit sowie Risiko- und Krisenmanagement. Zudem sollen Governance-Strukturen, Forschung und Entwicklung, Datenaufbereitung und das Ernährungsbewusstsein verbessert und effektiv genutzt werden.

Máximo Torero | Stellvertretender Generaldirektor der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung, Food and Agriculture Organisation (FAO), Rom

Der Stellvertretende Generaldirektor der FAO, Máximo Torero, betonte in seiner Rede die Notwendigkeit, die bestehende Ernährungslücke in der Welt zu schließen. Gleichzeitig sollen wirtschaftliche Entwicklungen unterstützt und  deren Umweltauswirkungen reduziert werden – ein Balanceakt, wie er  anmerkte. Eine besondere Herausforderung für die Gesundheit und die Ernährung der Bevölkerung stelle die Urbanisierung dar. Seine Prognose: Auch in den Entwicklungsländern werden immer mehr Menschen in die Städte ziehen. Bis 2050 werden demnach ca. zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Für ihn sind deswegen sichere, gesunde und erschwingliche Lebensmittel in Städten essentiell. Digitale Technologien können laut Torero dazu beitragen. Sie müssen jedoch innovativ, effizient und integrativ sein. Seine Schlussfolgerung: Wenn sich die Technologien nicht ergänzen, besteht die Gefahr von Konzentration, Monopolen und Ungleichheit. Als eine Lösungsmöglichkeit für die anstehenden Herausforderungen wie beispielsweise den Klimawandel sieht er die städtische Landwirtschaft. Um positive Effekte zu erzielen, sollten soziale, ökonomische und umwelttechnische Faktoren allerdings zusammen betrachtet werden.

Professor Klaus Josef Lutz | Vorstandsvorsitzender BayWa AG

Professor Klaus Joseph Lutz, Vorstandsvorsitzender der BayWa AG, eröffnete die Start-up Session am ersten Tag. In seiner Rede stellte er heraus, dass die BayWa AG innovative Start-ups aus dem Lebensmittelbereich fördert und der Konzern von der Zusammenarbeit profitiert.  Lebensmittelqualität,  Preise und Wettbewerb änderten sich ständig. Agile, innovative Antworten auf diese Veränderungen hätten Start-ups. „Wir brauchen einen Wandel der Business-Modelle, neue Ideen, neue Leute, neue Fähigkeiten,“ so Prof. Lutz weiter. Deswegen hat die BayWa zusammen mit RWA - der Raiffeisen Ware Austria AG - ein Agro-Innovation-Lab gegründet, das Akteure aus dem landwirtschaftlichen Bereich zusammenbringt und innovativ denkt.

Das START UP SPEED DATING und der PUBLIKUMS-AWARD


(v.l.n.r.: Stephan Becker-Sonnenschein, James Draves, Valentin Belser, Lukas Dillinger, Steven Parker, Eshchar Ben-Shitrit, Johanna Braun)

Im Vorfeld des Global Food Summits gab es einen „Call for Start-ups“, bei dem Venture Capital Holders, Business Angels und Industrieexperten Start-ups für die Konferenz empfehlen konnten. Bedingung war, dass die Start-ups disruptive Ansätze verfolgen und sich mit „Vertical Farming“, „Circular Systems“, „Plant and Animal Data Analytics“, „Biotech“, „Packaging“ oder „New Farm to Consumer“-Marktplätzen beschäftigen. Von den empfohlenen Start-ups wurden anschließend einige vom Global Food Summit Kuratorium ausgewählt, die auf der Konferenz pitchen durften. 26 Start-ups hatten sich um den Global Food Summit Publikumspreis beworben. Fünf wurden nominiert und stellten sich auf der Bühne des Global Food Summits am 20. März 2019 vor. Die Session wurde sowohl durch die BayWa AG gefördert, wie auch von Ingo Maurer, einem deutschen Industriedesigner. Die Moderation übernahm Johanna Braun, Head of Innovation and Start-Ups, Global Food Summit.

Es konnte natürlich nur einen Sieger geben: Gewinner ist ein israelisches Start-up, Redefine Meat (www.jet-eat.com), das täuschend echt aussehendes und schmeckendes „Fleisch“ mit Hilfe rein pflanzlicher Zutaten aus 3D-Druckern produzieren möchte.

Jedes der Start-ups hatte drei Minuten Zeit, seine Idee oder sein Produkt vorzustellen. Anschließend gab es eine dreiminütige Fragerunde  mit dem Publikum. Am Ende haben die Konferenzteilnehmer abgestimmt, wer gewinnt. Die nominierten Start-ups waren:

Agrilution aus München (www.agrilution.com) ist ein auf „Vertical-Farming“ spezialisiertes Start-up und bietet Systemlösungen für Gemüse- und Kräuteranbau in weniger als einem Kubikmeter. Die klimatischen Bedingungen in den Wachstumsboxen können automatisch pflanzenspezifisch angepasst werden, sodass optimale Voraussetzungen gegeben sind. 

Noyanum aus Garching bei München (www.noyanum.de) will unter Einsatz Künstlicher Intelligenz helfen,  die Lebensmittelverschwendung in Kantinen und Restaurants zu reduzieren. Hierzu werden Wetterdaten und Besucherzahlen sowie Daten zu Semesterferien und  Urlaubstagen in Korrelation gesetzt und daraus errechnet, wie viele Gerichte voraussichtlich verkauft werden.

Regiothek aus Passau (www.regiothek.de) bietet eine Plattform, auf der kleine Betriebe aus der Region zeigen können, wer sie sind und was ihre Produkte einzigartig macht: Landwirte, Imker, Brauer, Metzger, Bäcker, Brenner, Restaurants und unabhängige Läden mit herausragenden Produkten. Die Plattform dient dazu, kleine und lokale Strukturen zu fördern und soll eine „De-Monopolisierung“ voranbringen.

Das kanadische Start-up Quinta (www.quinta.ca) hat den Wertschöpfungsprozess rund um das proteinreiche Quinoa optimiert und erfolgreich am kanadischen Markt etabliert. Das Unternehmen arbeitet eng mit Landwirten zusammen und kann große Mengen an Quinoa auch auf trockenen Böden produzieren.


Das Dinner im Silbersaal des Deutschen Theaters in München, gesponsort von der Botschaft von Kanada


Der diesjährige Partner des Global Food Summits war die Botschaft von Kanada, die gemeinsam mit dem Global Food Summit zum Abschluss des ersten Tages zum Dinner-Buffet in den Silbersaal des Deutschen Theaters in München eingeladen hatte.

Andreas Weichert, Minister Counsellor Economic and Commercial der Botschaft von Kanada in Berlin, eröffnete mit einer kurzen Begrüßung das Dinner, bei dem ausgesuchte kanadische Spezialitäten und kanadischen Wein sowie erste innovative Foodkonzepte wie Salzwasser-Garnelen vom Münchner Stadtfischer und Steckerleis aus Lupinen-„Milch“ serviert wurden.


Der zweite Konferenztag am 21. März 2019


Bernhard Krüsken | Generalsekretär des Deutschen Bauernverband e.V.

Bernhard Krüsken, der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, eröffnete  den zweiten Tag des Global Food Summits. „Urban Farming und klassische Landwirtschaft – Wettbewerb oder Partnerschaft?“ war das Thema seines Vortrags. Er zeigte auf, welche Rolle die klassische Landwirtschaft in Deutschland hat, um dann auch auf die Potentiale des Urban Farming  einzugehen. Rund 16,6 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche gibt es in Deutschland, der  größte Teil davon wird für den Anbau von Getreide genutzt. Das kann von Urban Farming  auf absehbare Zeit nicht abgedeckt werden. Gleichwohl sieht Krüsken insgesamt traditionelle Landwirtschaft und innovative „Urban Farmer“ in einer Partnerschaft, in der sich beide Produktionsmethoden ergänzen.

Bernhard Kowatsch | Head of the Innovation Accelerator, UN World Food Programme

Bernhard Kowatsch vom UN-World Food Programme berichtete in seinem Vortrag “Exponential Innovations for the Future of Food and Ending Hunger”, wie neue Denkweisen, neue Problemlösungen und die Zusammenarbeit mit Start-ups helfen können, den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Er beschrieb in seiner Rede Initiativen des Innovation Accelerator des UN-Welternährungsprogramms, das verschiedene Akteure zusammenbringt, um innovative Lösungen für die Veränderung des Ernährungssystems zu finden. Beinahe jeder zweite Mensch weltweit habe Zugang zum Internet, so Bernhard Kowatsch. Dies sei ein wichtiger Kanal, um die Bevölkerung zu erreichen und Innovationen zu fördern. Als Beispiel nannte er Start-ups aus Afrika, die bereits mit großen Schritten vorangehen – wie H2Grow, die es ermöglichen, Nahrungs- und auch Futtermittel für Tiere  in Wohnungen anzubauen. Bernhard Kowatsch betonte, dass Programme wie der Innovation Accelerator nicht nur innovative Ideen fördern, sondern auch als Brücke für den  Technologie- und Wissenstransfer  zwischen Industrie- und Entwicklungsländern dienen.

Dr. Michael Binder | Director Sustainability Development, Evonik Industries

Dr. Michael Binder, Director of Sustainability bei EVONIK, erklärte in seinem Vortrag „Sustainable food production – Balancing goals“, wie wichtig es ist, systemisches Denken anzuwenden, wenn es darum geht, neue Food-Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Dabei ging er insbesondere auf die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen ein, die nicht immer alle aufeinander einzahlen. Als Beispiel nannte er neue Aquakultursysteme für Lachse mit pflanzlich basierten Futtermitteln, die einerseits der Überfischung entgegenwirken, andererseits aber viel Energie verbrauchen. Deswegen warf er in seiner Präsentation die Frage auf, wie Entscheidungen ausgewogen getroffen werden können.

Prof. Justus Wesseler | Professor of Agricultural Economics and Rural Policy at Wageningen University, Niederlande

Professor Justus Wesseler, von der Wageningen Universität, referierte zum Thema urbane Landwirtschaft und stellte dabei die provozierende Frage, was von der konventionellen Landwirtschaft eigentlich noch übrig sei. Clean Meat, Aquakulturen, vertikale Landwirtschaft, Insektenzucht und Fleischersatz – das alles ist bereits Realität, Tendenz steigend. Auch wenn die Entwicklungen bisher noch einige Fragen offen lassen, sieht Prof. Justus Wesseler viel Potential in den neuen Technologien. Seiner Meinung nach werden die Produkte in Zukunft gesellschaftlich akzeptiert und auch konsumiert werden. Seine Begründung dafür: Die neuen Produktionsmethoden überzeugen durch ihre Vorteile. Clean Meat und Fleischersatz tragen beispielsweise erheblich zum Tierwohl bei. Durch Aquakulturen kann auch bei starken Wetterschwankungen die Versorgungssicherheit gewährleistet und der Überfischung vorgebeugt werden. Und durch Vertical Farming werden weniger Düngemittel verbraucht als in der konventionellen Landwirtschaft. Die Politik spielt dabei eine entscheidende Rolle für die zukünftige Weichenstellung.

Associate Professor Dr.-Ing. Nannan Dong | Stellvertretender Dekan, College of Architecture and Urban Planning (CAUP), Tongji University, Shanghai

Dr. Nannan Dong, Tongji Universität, zeigte in seinem Vortrag “VV-City: from high-density to high-productivity by rooftop green” auf, wie die Themen “Urban Farming” und “Rooftop Gardening” von ersten Projektstudien über Architekturlösungen bis hin zu Großprojekten in China vorangetrieben werden. 2017 gab es in  China 19 Städte, in denen mehr als vier Millionen Menschen leben, dazu 161 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern.  Ein Resultat daraus ist, dass die Kosten für die verfügbare Landfläche generell gestiegen sind – weshalb  Flächen möglichst effektiv genutzt werden müssen. In seiner Präsentation stellte Prof. Nannan Dong die bekanntesten Urban Farming Projekte vor,  die von der chinesischen Regierung finanziert wurden. Mehrere Gesetzgebungsverfahren und spezifisch definierte Vorgaben haben zudem dazu beigetragen, die Städte zu begrünen. Von 2011 bis 2015 ist die Fläche vertikaler Farmen in Shanghai um eine Million auf 2,62 Millionen Quadratmeter gestiegen. Die meisten Projekte wurden auf Bildungs-, Kultur-, Geschäfts-, und Bürogebäuden realisiert.

Henk Wolfert | Programme Manager Research, Amsterdam Advanced Metropolitan Solutions Institute (AMS) mit freundlicher Unterstützung des niederländischen Generalkonsulates und Amsterdam

Henk Wolfert vom AMS Institut in Amsterdam stellte niederländische Projekte  aus der Lebensmittel- und Kreislaufwirtschaft vor. Das AMS vereint drei Bereiche: Bildung, Forschung und Datenerhebung. Diese Schwerpunkte zeichnen sich auch in der Arbeitsweise des Institutes ab. Es analysiert die Probleme und definiert die damit zusammenhängenden Forschungsfragen der Metropolregion Amsterdam, gemeinsam mit Bürgern sowie privaten und öffentlichen Stakeholdern. Ziel ist, schneller zu Lösungen zu kommen und einen sicheren Wandel zu gewährleisten. Zu den sechs Schwerpunktbereichen des Institutes gehören: Urbane Mobilität, Urbane Energie, Kreislaufwirtschaft in Städten, Urban Farming, Urbane Datenerhebung und wetterbeständige Städte, die den Auswirkungen des Klimawandels standhalten. Im Rahmen dieser Schwerpunkte werden Projekte realisiert – beispielsweise zur Klärung der Frage, ob moderne Stadtregionen in der Lage sind, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen.

Cathy Kennedy | Manager of Policy and Intergovernmental Relations at the City of Guelph, Wellington, Canada und Barbara Swartzentruber l Executive Director of Strategy, Innovation and Intergovernmental Relations at the City of Guelph, Wellington, Canada


(v.l.n.r.: Stephan Becker-Sonnenschein, Barbara Maly, Dr. Steven Newmaster, Timothy Nelson, Anne Toner-Fung, Cathy Kannedy, Barbara Swartzentruber, Dr. Maria Corradini, Bruno Wiest)

Barbara Swartzentruber und Cathy Kennedy, beide aus dem kanadischen Guelph, präsentierten ihre Vision für die Stadt. Ihr Ziel ist, Kanadas erste Stadt mit einer Kreislaufwirtschaft zu werden. Die Idee entstand aus der Teilnahme am nationalen Wettbewerb um die „Smart Cities Challenge", die mit einem Preisgeld von zehn Millionen kanadischen Dollar dotiert ist. Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass man mit innovativen Ideen soziale Probleme löst. Das Konzept der Stadt basiert auf dem Prinzip „50x50x50“, das heißt: den Zugang zu Nahrungsmitteln um 50 Prozent zu verbessern; 50 neue Möglichkeiten für Nahrungsmittelkreisläufe zu schaffen und die Einnahmen aus diesem neuen System um 50 Prozent zu steigern. Durch neue Initiativen wie den Circular Economy Innovation Hub, den Harvest Impact Fund und Investitionen in Aus- und Weiterbildung soll ein Systemwechsel erzielt werden. Der Systemwechsel besteht darin, eine neue Form der Lebensmittelproduktion aufzubauen, den ökologischen Fußabdruck zu verringern, neue Jobs zu schaffen, neue Netzwerke aufzubauen und ein neues Ökosystem zu etablieren.

Peter Verstrate | CEO Mosa Meat, Maastricht

Peter Verstrate, CEO von Mosa Meat, nahm die Teilnehmer mit auf eine Reise. Diese begann 2013, als Mosa Meat den weltweit ersten schlachtfreien Hamburger auf einer Pressekonferenz in London vorstellte. Das Produkt war das Ergebnis jahrelanger Forschung an der Universität Maastricht. Der Burger kostete stolze 250.000 Euro das Stück. Ziel der Forschung ist, eine neue Methode zur Herstellung von Stammzellen-Fleisch zu finden, um die schnell wachsende Bevölkerung auf nachhaltige, gesunde und tierfreundliche Weise zu ernähren. Für ein Burger-Patty aus konventioneller Tierhaltung werden beispielsweise 6,7 Pfund Futtermittel, 200 Liter Wasser, 74,5 Quadratmeter Land für den Futtermittelanbau und 1.036 fossile Energie benötigt. Das gilt es mit Stammzellen-Fleisch zu unterbieten. Peter Verstrate machte zudem deutlich, dass der Fleischkonsum nicht nur ethische oder moralische Probleme mit sich bringt, sondern auch ein ganz praktisches: Die notwenige  Fläche für den Nahrungsmittelanbau ist begrenzt. Zurzeit konzentriert sich das Unternehmen auf die Skalierung des Produktionsprozesses und die Markteinführung der ersten Produkte in den nächsten drei bis vier Jahren. Ziel des Unternehmens ist, das Stammzellen-Fleisch erfolgreich auf dem Markt zu etablieren.

Dr. Andreas Blüthner | Director Food Fortification and Partnership, BASF

Dr. Andreas Blüthner, Director Food von BASF, zeigte zum Beginn seiner Präsentation den Zuwachs der Weltbevölkerung und damit einhergehend eine weltweit zunehmende Verstädterung auf. Die Länder mit der höchsten Zahl an Stadtbewohnern werden 2050 voraussichtlich die USA, Nigeria, Mexiko und Brasilien sein. Wenn die Menschen zukünftig vermehrt in Städten lebten, müsse die richtige Ernährung, insbesondere für Kinder, auch genau dort sichergestellt werden. Das könne unter anderem durch Fortifikation, also Anreicherung der Nahrungsmittel, geschehen, wie beispielsweise dem Zusatz von Vitamin A  im Speiseöl. Er verwies darauf, dass etwa 53 Prozent der afrikanischen Bevölkerung derzeit unter Vitamin A-Mangel leiden.  Für Dr. Andreas Blüthner kann Unterernährung nur wirksam bekämpft werden, wenn die gesamte Lebensmittel-Wertschöpfungskette einbezogen wird. Deswegen bilden Faktoren wie die Lebensmittelproduktion, die Lebensmittellagerung und die Nahrungsmittelsicherheit die Pfeiler für das Food Innovation Cluster für Afrika von BASF.

Dr. Georg Schirrmacher l Managing Director, Europäische Innovations- und Technologieinstitut (EIT) Food Co-Location Center (CLC) Central in München/Freising

Dr. Georg Schirrmacher vom European Institute of Innovation and Technology (EIT Food) betonte die wichtige Rolle von europäischen Initiativen wie dem EIT Food bei disruptiven Innovationen. Das EIT Food ist eine europäische Wissens- und Innovationsgemeinschaft, die aus Konsumenten, Unternehmen, Start-ups, Forschern und Studenten besteht. Sie ermöglicht jungen Unternehmen, neue Technologien auf den Markt zu bringen und dadurch den Lebensmittelsektor zu verändern – ihn nachhaltiger, gesünder und umweltfreundlicher zu machen. Fragmentierte Lieferketten, mangelnde Transparenz bei der Lebensmittelproduktion und das Fehlen einer unternehmerischen Kultur sind einige der Herausforderungen, die die jungen Unternehmen bewältigen müssen. Derzeit sind nur drei von zehn Unternehmen in der Lage, ihre Technologien auf den Markt zu bringen, so Dr. Georg Schirrmacher. Durch finanzielle Förderungen der europäischen Initiative soll diese Zahl erhöht werden. Um Wissensaustausch zu  erleichtern, hat EIT Food zudem fünf  Innovations Hubs in 15 Mitgliedsstaaten der EU ins Leben gerufen.

Dr. S. M. Abdul-Awal | Professor am Department of Biotechnology and Genetic Engineering, Khulna University, Bangladesh & Fulbright Scholar & Beahrs ELP Alumni an der University of California, Berkeley

Prof. Abdul-Awal, Khulna Universität, betonte  die Notwendigkeit von landwirtschaftlichen Alternativen in Bangladesch aufgrund von besonderen Wetterbedingungen: Überflutungen, Dürren, Tornados , Zyklone – unter diesen Bedingungen muss Bangladesch Landwirtschaft betreiben. Um zu demonstrieren, welche innovativen Ansätze bereits auf kleinster Ebene die Landwirtschaft in Bangladesch verbessern können, zeigte  Prof. Abdul Abwahl einen Ausschnitt  aus einem  Dokumentarfilm der BBC (https://www.youtube.com/watch?v=CONfhrASy44). Er dokumentiert die schwimmenden Felder von Bangladesch, ein von der FAO anerkanntes Kulturerbe. Diese schwimmenden Farmen ermöglichen den Anbau von Lebensmitteln auch bei Überschwemmungen, Stürmen und anderen Naturkatastrophen.

Alexander Franke | Manager Business Development & Innovation K+S KALI GmbH

Alexander Franke von der K+S Kali GmbH stellte in seiner Rede vor, wie sein Unternehmen, obwohl traditionell dem Bergbau verhaftet, Innovationen in der städtischen Landwirtschaft unterstützt. Er sieht insbesondere in der Diversifizierung von Geschäftsmöglichkeiten einen Weg, um den Veränderungen in der Landwirtschaft gerecht zu werden. Im Jahr 2017 hat K+S deshalb seine Unternehmensstrategie neu formuliert. K+S Kali richtet beispielsweise Innovationslabore ein, in denen Themen wie Stadtlandwirtschaft und Vertikal Farming erforscht werden. Zudem verwies Alexander Franke auf die Urban Farming App von K+S Kali, die den Nutzern Informationen darüber liefert, welche Urban Farming Projekte es in ihrer Nähe gibt.