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2019-02-12

Unser Interview mit Prof. Martina Schraudner von der acatech

1. Frau Prof. Schraudner, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften – ist, vertreten durch Sie, jüngstes Mitglied im Global Food Summit Kuratorium. Zunächst eine persönliche Frage: Von welchen Lebensmittelinnovationen sind Sie am meisten fasziniert?

Für mich sind Ansätze besonders wichtig, die zu einer Vermeidung von Lebensmittelverschwendung führen. Das reicht bis hin zum Trinkwasserschutz. Ich bin davon überzeugt, dass perspektivisch die „Werte“, die in den Sustainable Development Goals der UN formuliert sind, viel stärker in das Innovationsgeschehen einbezogen werden – nicht nur, aber ganz besonders im Nahrungsbereich. Die Überwindung von Armut und Hunger, die Gewährleistung nachhaltiger Energieproduktion und andere Nachhaltigkeitsziele werden viel stärker den Ausgangspunkt für Innovationen bilden. Sie sind kein Beiwerk. Das gilt sowohl für die technischen Innovationen als auch für die Geschäftsmodelle. 

2.  acatech will Entwicklungen im Bereich der Lebensmitteltechnologien stärker in den Fokus rücken. Was erwarten Sie sich von der Kooperation mit dem Global Food Summit?

Lebensmittel sind ein wichtiger Anwendungsbereich für neue Circular Economy und biotechnologische Ansätze. Aus Sicht von acatech handelt es sich hier um sehr wichtige Innovationsfelder. Nehmen Sie beispielsweise das Thema Proteine. Der Landwirtschaftssektor weist nach dem Energiesektor die zweitgrößten Treibhausgasemissionen auf. Fast 80 Prozent der Methan-Emissionen stammen aus der Tierhaltung – und Methan ist um ein Vielfaches klimaschädlicher als Kohlendioxid. Vor dem Hintergrund erscheint es sinnvoll, tierische Proteine sinnvoll zu nutzen. Viel zu viel endet als Food Waste, der durch tracking- und tracing-Technologien vermieden werden kann. Es stellt sich die Frage nach Alternativen zur heutigen Fleischherstellung. Kunstfleisch wird derzeit sehr intensiv beforscht, die Gründungen suchen nach Wagniskapital, deutsche Firmen, wie z. B. Merck kaufen sich dort ein.  

Insofern verfolgen wir hier gleiche Ziele wie der Global Food Summit. Ich verspreche mir viele Synergieeffekte und neue Kooperationsmöglichkeiten. Es geht um Forschung und Innovation und vor allem um die gesellschaftliche Debatte, inwieweit wir auf Fleisch verzichten oder auf Alternativen umsteigen können.

3. In Ihrem Leitbild steht, acatech bringt Wissenschaft und Gesellschaft zusammen; faktenbasiert, unabhängig und gemeinwohlorientiert. Wie schwer haben es Wissenschaft und Gesellschaft derzeit miteinander? Macht sich das häufig wenig faktenbasierte Diskussionsklima negativ für den Forschungsstandort Deutschland bemerkbar?

Das gesellschaftliche Klima wird rauer – und deshalb wird der gesellschaftliche Dialog immer wichtiger. Das weiß die Politik, das weiß die Wissenschaft und entsprechend wird die Technikkommunikation auch für acatech immer wichtiger. Gemeinsam mit der Körber-Stiftung untersuchen wir im TechnikRadar, was die Deutschen über technikbezogene Themen denken – und wie sich Meinungen bilden. Dort und auch im Wissenschaftsbarometer fällt auf, dass gerade der Bereich grüne Biotechnologie und damit auch der Food-Bereich besonders kritisch gesehen wird. Außerdem scheint für die Gesellschaft immer wichtiger zu werden, dass neue Entwicklungen im Einklang mit gesellschaftlichen Werten und Nachhaltigkeitszielen stehen. Eine neue, faszinierende Technologie erklären, das reicht nicht. Wir müssen über ihren Einsatz und die damit verbundenen Vor- und Nachteile offen diskutieren. Umso wichtiger ist es, viel früher und umfangreicher zu neuen Ansätzen zu kommunizieren und auch neue Formate des Dialogs und Austausches auszuprobieren. Vielleicht ist dies auch ein Thema für einen zukünftigen Global Food Summit.  

4. Im Food-Bereich findet gerade weltweit ein Start-up-Boom statt, der mit Milliardensummen an Wagniskapital unterstützt wird. Viele Start-ups kommen aus wissenschaftlichen Institutionen oder Universitäten. Wie schätzen Sie die Voraussetzungen für Firmenausgründungen aus Universitäten in Europa im Vergleich zu jenen in Ländern wie China oder den USA ein?

Es wird viel über eine mangelnde Gründungsdynamik in Deutschland geschrieben. Es gibt durchaus Gründungen aus Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland und Europa. Ein Beispiel: Das große EU-Programm Climate KIC hat seinen Sitz in München. Dort sammeln sich gerade Start-ups aus dem Food-Bereich. Wir bei acatech sehen vor allem Handlungsbedarf bei der Wachstumsfinanzierung, also in der Phase, in der Start-ups ihr Geschäftsmodell skalieren. 

Ein ganz anderer Punkt: Es gibt viele regionale Ansätze, die sich möglicherweise gar nicht als Start-up definieren würden, da sie z. B. mit (neuen) genossenschaftlichen Ansätzen, mit neuen Geschäftsmodellen experimentieren. Hier könnte der Bereich Lebensmittel eine Vorreiterrolle übernehmen.